Hintergründe der Tantramassage

Tantra akzeptiert den Menschen in seiner Ganzheit. Es verwebt die scheinbaren Gegensätze von Gut und Böse, von so genanntem „Heiligem“ und „Sündhaftem“, von Spiritualität und Sexualität, von Körper und Geist.

Während in anderen Religionen Spiritualität und Eros als streng voneinander getrennt erscheinen, verweist uns Tantra auf unsere ursprüngliche Verbundenheit.

Viele Religionen sehen den Menschen als unvollkommen, sündig oder zumindest als Wesen, das sich anstrengen muss, Erleuchtung zu finden. Tantra dagegen sagt, der Mensch sei schon frei und vollkommen. Im Tantra geht es nicht darum, Erleuchtung mühsam zu erreichen, sondern die Vollkommenheit zu erkennen.

Zentral ist dabei der Augenblick, in dem etwas geschieht: Wo ein Moment ganz bewusst, wach, klar und mit allen Sinnen erlebt wird, ohne ihn aus der Perspektive von Vergangenem oder Zukünftigem zu bewerten. Der Moment, wo sich etwas zu einem Größeren erhebt, weil alle Anspannung, alles Urteil und „Meinung“ verschwunden ist.

Die Ursprünge von Tantra sind zweifellos in den frühgeschichtlichen matriarchalen Kulturen auszumachen. Alle matriarchalen Kulturen der Welt waren durchdrungen von einer Spiritualität, die die Sexualität als Lebens- und Schöpfungskraft feierte und dies in unzähligen Festen, Ritualen ebenso wie im Alltag zelebrierten. Der Tod war ebenso einbezogen in ein Weltbild, dessen Verbundenheit mit der Natur und dem Kosmos selbstverständlich und allgegenwärtig war. Dies gilt auch für die frühen Kulturen des Industals, die letztlich die Quellen aller tantrischen Traditionen sind.

Durch gewaltsame Überlagerung fremder Kulturen (Einfall der Arier) sind das Bramahnentum und daraus der Hinduismus entstanden. Die tantrischen Rituale und Lehren wurden vereinnahmt, ideologisch überformt oder verachtet und verboten. Es entstanden im Laufe der Jahrhunderte bis heute unzählige Ausprägungen und Sekten, die sich teilweise widersprechen oder gar bekämpfen.

Später verbanden sich auch Teile des Buddhismus mit tantrischen Überlieferungen. Mit den bereits hinduistisch, dann buddhistisch veränderten Lehren gelangte Tantra nach Tibet.

Im 19. Jahrhundert wurden durch Handelsreisende, Kolonialisten, Ethnologen und Missionare Fragmente von Tantra in den Westen gebracht, jedoch durch die christliche Brille meist gründlich missverstanden.

Erst der indische Mystiker Osho hat Tantra in den 80er Jahren für westliche Menschen verstehbar gemacht und eine große Breitenwirkung von Tantra erreicht. Auf seinen Einfluss gehen alle ernst zunehmenden –auch sich widersprechende- Tantraschulen des Westens zurück. Auch wir übernehmen im Wesentlichen seine Rezeption von Tantra.

Tantra ist weder eine Liebestechnik noch eine Ritualabfolge. Und es gibt weder eine allgemein gültige Lehrmeinung noch ein geistiges Oberhaupt, das die Definitionsmacht hätte. Wenn alle religiös und historisch überlagerten Ideologien abgestreift sind, geht es im Tantra um die Erkenntnis und die Erfahrung, dass Schöpfung und Zerstörung, männlich und weiblich, gut und böse, Sexualität und Gebet, Eros und Religion letztlich ein und dasselbe ist. In diesem Kern verfangen sich die Rückbindung und Herkunft des Tantra aus dem matriarchalen Urgrund.

Was haben Tantramassagen mit Tantra zu tun?

Die Bezeichnung Tantramassage ist vor allem ihrer Entstehung in den Tantraschulen des Neo-Tantra zu verdanken. Insbesondere der Tantrameister Andro Andreas Rothe sei an dieser Stelle genannt, dessen Arbeit bis heute die Basis für fast alle Tantramassagen bildet. Sie wurde in den Massage-Instituten und –Ausbildungen weiterentwickelt und verändert und unterliegt auch weiterhin Veränderungsprozessen.

Tantramassagen sind nicht identisch mit Tantra. In keiner ursprünglich tantrischen Tradition ist von Massagen oder Sinnlichkeit die Rede. Aus diesem Grund sieht sich die Tantramassage-Bewegung zuweilen dem Vorwurf ausgesetzt, sie würde sich fremde Wurzeln zu Eigen machen, würde das „wahre Tantra“ verflachen oder gar kommerzialisieren.

Dem Vorwurf der Kommerzialisierung kann leicht entgegnet werden: konnten und können sich doch alle Tantraschulen des Westens nur in Form von bezahlten Dienstleistungen wie z.B. Seminaren ausbreiten. In der heutigen Gesellschaft zu leben bedeutet, dass ohne Geldfluss weder Weltanschauung, noch Dienstleistung, noch spirituelle Tradition, noch sonstiger Austausch mit der Umwelt möglich ist. Tantramassagen sind eine integere Dienstleistung, wenn auch mit visionärem Hintergrund und spirituellen Wurzeln.

Ebenso wenig trifft der Vorwurf der Verflachung: Tantra war in seinen Ursprüngen immer auch eine Religion das Volkes. Von der offiziellen Religion (Hinduismus / Buddhismus) wurde es teils vereinnahmt und überformt, teils verfolgt und verachtet, teils in Geheimlehren überhöht und dem Volk damit unzugänglich gemacht.

Tantramassagen haben die Chance, den Geist des Tantra für viele Menschen erfahrbar zu machen, auch solchen, die sich nicht explizit auf einen speziellen spirituellen Erkenntnisweg machen möchten. Die grundlegende Wahrheit vom Eins sein aller menschlichen Aspekte, sowie der Bejahung der Sinnlichkeit und Sexualität als Lebenskraft gilt für jeden Menschen.

Trotzdem darf nicht übersehen werden, dass durch den Boom der Tantramassagen in den letzten Jahren ein unüberschaubares Angebot von „Tantramassagen“ auf dem Markt gekommen ist, deren Qualität und Hintergrund nicht immer über jeden Zweifel erhaben sind. Der Tantramassage Verband sieht seine Aufgabe u.a. darin, hier Orientierung zu geben und die Qualität bei den Verbandmitgliedern zu sichern und weiter zu entwickeln.

Was ist tantrisch an den Tantramassagen?

Obwohl Tantra und Tantramassagen nicht als identisch gesehen werden dürfen, lehnen sich Tantramassagen, wie sie vom Tantramassage-Verband gefördert und vertreten werden, an bestimmte geistige Grundhaltungen an, die in allen geschichtlichen, geographischen und weltanschaulichen Ausprägungen von Tantra, sowie in vielen anderen Weisheitstraditionen zu finden sind. Im Folgenden wird gezeigt, welche Haltungen und Inhalte den tantrischen Aspekt der Massage ausdrücken.

Ritual
Der ritualisierte Ablauf in der Tantramassage bewirkt eine Objektivierung des Geschehens. Im Vordergrund steht nicht die individuelle Auswahl und Folge von Griffen, sondern die einmal festgelegte und gültige Struktur, die dem Handeln der Massierenden Autorität verleiht. Hier liegt der Vergleich mit einer Ikone oder einem Mandala nahe. Beide entstehen nach kanonisierten Herstellungsvorschriften. Diese Vorschriften werden irgendwann festgelegt und es wird immer nach dem gleichen Schema verfahren. Eine Ikone und ein Mandala ist deshalb auch kein freies Kunstwerk. Eine Ikone wird auch nicht mit dem eigenen Namen signiert. Es verleiht dem Ergebnis Wirkung, die jenseits vom individuellen Geschmack oder Ego liegt.

Verehrung
Die Haltung der Tantramassage ist die Verehrung. Der Mensch wird in seinem Frau-Sein, in seinem Mann-Sein verehrt als göttliches Wesen. Diese Grundhaltung manifestiert sich aber u.a. in einer rituellen Form, der es beiden Beteiligten ermöglicht, aus dem Alltagsgeschehen heraus zu treten und in einem festlichen Rahmen den eigenen Körper zu feiern und die eigene Sinnlichkeit in Würde und Schönheit zu erleben.

Dadurch wird ein Gefühl von Angenommen-Sein vermittelt, das die Voraussetzung für den vollen Genuss einer Massage ist, aber durchaus auch heilsam sein kann. Die Verehrung und volle Akzeptanz dessen, was ist – zu dieser Zeit an diesem Ort, schafft echte Begegnung zwischen Masseurin und Massagegast. Diese steht im Gegensatz zu Therapie oder Heilungsabsicht (s.u.). Therapie braucht Diagnostik. Der diagnostische Blick ist aber ein objekthafter Blick und hat nicht das Gegenüber, sondern die potenzielle Krankheit im Blick.

Ganzheitlichkeit
Tantrisch wird eine Massage auch durch ihre Ganzheitlichkeit. Sie berührt den ganzen Menschen, sie lässt keinen Körperteil aus. Insbesondere integriert sie die Sexualität und weckt ihre Energie als Lebenskraft. Jede Folge davon, sei es Atem, Stimme oder Bewegung, sei es Ejakulation oder aufsteigende Erschütterung, Tränen …bis hin zur lustvoll-mystischen Erfahrung oder einfach nur ein schlichter Orgasmus – alles ist willkommen und in Ordnung.

Andererseits ist auch das Ausbleiben einer dieser Folgen, z.B. Ejakulation in Ordnung. Es gibt keinen Leistungsdruck. Das Tantrische in Bezug auf den Orgasmus ist nicht die Unterdrückung der Ejakulation. Die Lenkung der sexuellen Energie dagegen kann erwünscht sein und unterstützt werden. Das Verhältnis der Männer und Frauen zu Ejakulation ist allein deren Sache und wird ebenso respektiert wie alles andere.

Transpersonale Begegnung
In einem bewussten Schritt entsteht eine Begegnung von Shiva und Shakti – dem Göttlichen im Menschen. Mann und Frau aus dem Alltag mit seinen Projektionen treten zurück. Beide repräsentieren während des Rituals das Göttliche.

Die gesprochenen Verehrungsformeln eröffnen den inneren Massageraum und verwandeln das kommende Geschehen in eine sakrale Handlung. Diese – etwas „theologisch“ anmutende Formulierung bedeutet nichts anderes, als dass die Beteiligten im bewussten Akt der rituellen Begrüßung alle ihre Urteile und Muster hinter sich lassen. Was bleibt ist tiefer Respekt und Wertschätzung. Respekt ist die Haltung, die wir geben und die wir fordern.

Sexualität als Lebenskraft – und als nichts anderes
In unserer westlichen Kultur ist die Sexualität fast immer verknüpft mit anderen Themen: Beziehung, Liebe, Schuld, Scham, Bedürftigkeit, Opfer-Täter, Verachtung, Ehe, Politik usw.

In der tantrischen Massage geht es aber um die sexuelle Kraft an sich. Es ist die Bewegung der sexuellen Energie, die an nichts gebunden ist. Dies ist die Kraft, ohne die es kein Leben gäbe.

Wir vertreten dabei die Haltung, dass die Sexualität nicht instrumentalisiert werden soll. Sie dient nicht als Mittel zum Zweck, quasi als ein Vehikel zur spirituellen Erleuchtung. Uns geht es also nicht um eine „spirituelle Ausbeutung“ der Sexualität. Vielmehr darf sie sein, was sie schon immer war und ist: sinnlich-übersinnlich, lustvoll, ganz sie selbst, vielleicht schon „mit einem Bein drüben“.

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