2014-01 // Beitrag zur Debatte um sexuelle Dienstleistungen

»Menschenhandel« ist nur ein Vorwand – Zur Debatte um sexuelle Dienstleistungen in Deutschland

Hinter der aktuellen Debatte um das Prostitutionsgesetz in Deutschland steht eine konservative Reaktion, die sexuelle Liberalisierungen rückgängig machen und die Spaltung der Frau in Hure und Heilige aufrecht erhalten will – eine in Deutschland tätige Tantramasseurin hat sich mit den politischen Implikationen befasst

Von Angela Blanc

Anmerkung: Dieser Artikel erschien im Januar 2014 in der Zeitschrift „Connection“ und wird mit freundlicher Genehmigung des Herausgebers Wolf Schneider hier ungekürzt wiedergegeben. Siehe auch die Hinweise am Ende des Artikels.

Es ist schwierig, über Prostitution zu schreiben, denn es gibt kaum ein Feld, das so polarisiert wie dieses. Mehr als die Frage, ob Prostitution gut oder schlecht ist, interessieren mich jedoch die tatsächlichen Rechte der Menschen, die ihr nachgehen.

Denn es gilt zu begreifen, dass es ein Stigma gibt: das Huren-Stigma. Viel mehr als Prostitution gilt es dieses Stigma zu bekämpfen. Denn ein Kampf gegen Prostitution ist letzten Endes ein Kampf gegen die Rechte einer stigmatisierten Minderheit und unterstützt deren Kriminalisierung. Menschen, die in der Prostitution tätig sind, werden weltweit als Menschen zweiter Klasse angesehen, als Abschaum der Gesellschaft. Sie werden verachtet, diskriminiert, meistens sogar kriminalisiert. Sie leiden unter struktureller Gewalt, haben Pflichten und nur sehr wenig Rechte, wenn sie überhaupt welche haben.

Othering – Wer sind die Anderen?

Prostitution dient als gesellschaftliche Black Box, in die verschiedene Projektionen mit einfließen. Oft werden diese Vorurteile von den Medien weitergegeben, verbreitet und verfestigt, was eine wahrhaftige Auseinandersetzung mit der Thematik sehr erschwert. Sexarbeiter/innen gehören einer Minderheit an. Darunter versteht man eine Gruppe mit wenig Zugang zur Macht, deren Anliegen kaum berücksichtigt werden. Diese Minderheit hat eine lange Tradition der Stigmatisierung hinter sich. So schrieb die französische Sexarbeiterin Salomée in ihrem Blog, dass sie sich lange Zeit nicht für ihre Rechte eingesetzt hat, aus dem einfachen Grund, dass sie nicht das Gefühl hatte, ein Recht auf Rechte zu haben. Diese Aussage beschreibt sehr zutreffend die erschreckende Macht, die solch ein Stigma mit sich bringt.

»Othering« bezeichnet den sozialen und innerlichen Prozess, sich selbst und sein soziales Bild hervorzuheben, indem man Menschen mit anderen Merkmalen als andersartig, als fremd klassifiziert. Dieser Mechanismus legt fest, was normal und was unnormal ist, was gut und was schlecht ist, was hoch- und was minderwertig ist. In den Medien, aber auch in den Wissenschaften werden Identitäten konstruiert, die durch bestimmte Merkmale wie Gender, Ethnizität, soziale Zugehörigkeit, Alter oder Bildungs- und Wissenstand verortet und hierarchisiert sind. Damit dieses hierarchische System zugleich erschaffen und erhalten wird, werden unerwünschte Eigenschaften verdrängt und auf Schattenfiguren projiziert. Dafür braucht es ein »Wir« und ein »die Anderen«. Dieser Prozess kann zu Feindbildern führen, wenn Angehörige einer kulturellen Gruppe sich vom vermeintlich Fremden, Anderen bedroht fühlen. Gerade im Fall der Prostitution werden Sexarbeiter/innen gerne als »Andere« dargestellt. Das gilt insbesondere für osteuropäische Frauen, und mehr noch, wenn sie zusätzlich einer weiteren ausgegrenzten Minderheit angehören, wenn sie zum Beispiel Roma sind.

Wenn über Sexarbeit berichtet wird, stellt sich somit die Frage: Wessen Anliegen werden da berücksichtigt? Wer redet für wen, und für wen wird berichtet? Einem Bericht, Artikel, einer Dokumentation, Talk-Show-Runde, einem Spiel- oder Dokumentarfilm Glauben zu schenken, ohne sich diese Fragen im voraus zu stellen, ist äußerst gefährlich.

Skandalisierung statt Aufklärung

Prostituierte werden gerne so dargestellt, als befänden sie sich am Rande der Gesellschaft, obwohl doch Sexworker-Rights-Organisationen ständig darauf hinweisen, dass Prostituierte täglich mit so gut wie allen Schichten der Gesellschaft in Berührung kommen. Demnach befinden sie sich in der Mitte der Gesellschaft und nicht an ihrem Rand.

Doch der größte Teil der Medien gibt ihnen keine Stimme. Meistens wird nach der gewissen Mischung aus »Sex and Crime« gesucht, die die Quoten steigen lässt, voyeuristische und rassistische Vorurteile verfestigt und gleichzeitig die moralische Empörung des guten Mittelschichtbürgers provoziert. So werden Themenkomplexe vermischt, die eigentlich eine differenzierte Betrachtung bräuchten, um nur annähernd verstanden zu werden. Doch mit Skandalisierung erschafft man Mehrheitsmeinungen. Das ist Schlagzeilenjournalismus, mit Aufklärung hat das nicht viel zu tun.

So wird Prostitution meist in einem Atemzug mit Menschenhandel und organisierter Kriminalität genannt, und je öfter diese Aussagen wiederholt werden, als umso glaubwürdiger erscheinen sie. Je emotionaler der Inhalt, desto widerstandsloser wird er geschluckt. Dabei ist diese Mischung äußerst problematisch. Während Sexarbeit eine soziale Realität hat, ist »Menschenhandel« zunehmend zu einer rechtlichen Konstruktion mit politischer Absicht geworden. Prostitution wird mit Menschenhandel vermischt, und Menschenhandel wird auf Prostitution reduziert. Andere Formen von Menschenhandel werden unsichtbar gemacht, vermutlich weil ihnen die erotische Würze fehlt, die sie medientauglich macht.

Schließlich glaubt jeder zu wissen, wie das typische Menschenhandelsopfer aussieht, und die persönliche Betroffenheit ist so hoch, dass nach Verantwortlichen für diesen vermeintlich unerträglichen gesellschaftlichen Missstand gesucht wird. In diesem Falle ist der Schuldige einfach zu finden: die rot-grüne Koalition und das Prostitutionsgesetz von 2002. Dass die Realität gelinde gesagt etwas komplexer ist, rückt immer mehr in den Hintergrund, und die Stimmen, die darauf hinweisen, erhalten kaum noch Gehör.

Vom Umgang der Medien

In den vergangenen Monaten wurde der Themenkomplex Menschenhandel/Prostitution in alle Köpfe gehämmert. Allein die ARD hat im letzten Jahr mindestens acht Fernsehsendungen gezeigt, die auf das Thema eingehen. Angefangen hat es mit der Tatort‐Doppelfolge im Dezember 2012, mit den Titeln »Das Wegwerfmädchen« (Teil 1) und »Das goldene Band« (Teil 2), die zum besten Tatort 2012 gekürt wurden. Dann kam der Spielfilm »Operation Zucker« im Januar 2013, bei dem es um die sogenannte »Kinderprostitution« ging.

Dass Begriffe wie »Zwangsprostitution« und »Kinderprostitution«, die beim Thema Menschenhandel ständig unreflektiert weitergegeben werden, äußerst problematisch sind, wird dabei vergessen: Wer zum Sex gezwungen wird, prostituiert sich ja nicht, er wird vergewaltigt. Solche Fiktionen geben sich gerne aufklärerisch, erklären dabei aber schockierende, entsetzliche, jedoch extrem selten auftauchende Einzelfälle zum Massenphänomen: Laut den offiziellen Angaben des BKA handelt es sich hier um Fälle im Promillebereich. Dennoch werden sie als typisch dargestellt und dienen so dem Vorgehen gegen Prostitution. Die Maßnahmen tun zudem so, als würden sie sich gegen »Menschenhandel« wenden, de facto aber wenden sie sich gegen »Prostitution« und somit gegen die Rechte der Menschen, die in dieser tätig sind.

Die Printmedien sind meistens leider nicht besser. Der Spiegel zum Beispiel beweist dabei plötzlich, dass er lieber mit der Bild-Zeitung flirtet, als tatsächlich zu recherchieren. Wenn er im Mai 2013 in einem tendenziösen Bericht »Bordell Deutschland« mit Lügen, verdrehten Tatsachen und ungenauen Angaben gegen das Prostitutionsgesetz von 2002 wettert, dann hat das nichts mehr mit Information zu tun. Sonst wären dort nicht sämtliche genannten Fakten und Zahlen falsch, ungenau, diffus oder irreführend.

Es geht bei diesen Berichten um den emotionalen Aufreißer. Dafür werden alle Vorurteile über Osteuropäerinnen bedient. Erschreckende Einzelfälle werden zur Regel erklärt. Im Spiegel-Bericht darf man den Wahrheitsgehalt des gesamten Artikels spätestens bei der Schilderung des Schicksals der 17-jährigen Sina in einem Flatrate-Bordell in Frage stellen, denn solch ein Fall ist illegal und bei der Razziendichte in Deutschland höchst unwahrscheinlich. Die einzige politisch engagierte Prostituierte, die vom Spiegel interviewt wird, die Berliner Sexarbeiterin Carmen Amincitae, wird als egoistische Femme Fatale zerrissen. Und so wird wieder einmal die Aufspaltung der Frau in Heilige und Hure bedient. Auf ihrem Blog gab Carmen eine lesenswerte Gegendarstellung zu ihrer Begegnung mit dem Spiegel, die tiefe Einblicke in dessen Methoden gewährt.

Die Wahrheit verkauft sich nicht so gut

Wenn schon von Opfern von Menschenhandel zur sexuellen Ausbeutung, minderjährigen und drogenabhängigen Frauen in der Prostitution berichtet wird, dann sollte auch geklärt werden, dass es sich hierbei um juristisch jeweils höchst unterschiedliche Kategorien handelt, für die das Prostitutionsgesetz in den meisten Fällen nicht zuständig ist. Zweitens sollte erwähnt werden, dass die strafrechtliche Regelung zur Bekämpfung des Menschenhandels 2005 deutlich verschärft wurde. Dann sollte nicht verschwiegen werden, dass der Menschenhandel in Deutschland nicht zu-, sondern abnimmt. Offenbar lässt sich das aber nicht so gut verkaufen. Stattdessen sind alle Mittel gut, um das Prostitutionsgesetz so darzustellen, als hätte es einen entsetzlichen rechtsfreien Raum in Deutschland gefördert.

Dass die Polizei Prostitutionseinrichtungen jederzeit anlasslos durchsuchen und dabei die Identität sämtlicher Personen feststellen darf und dies mit etlichen Razzien auch ständig tut, wird dabei verschwiegen. Das passt ja nicht mehr ins Bild.

Vielleicht sollte ein Journalist zur Abwechslung auch mal erwähnen, dass die Razzien während der Arbeitszeiten durchgeführt werden, sodass die Intimsphäre der Sexarbeiter/innen und die der Kunden gleichermaßen verletzt wird. Vielleicht sollte auch mal die Angst der Betroffenen über das, was mit ihren Daten wohl passieren mag, geschildert werden. Oder ist dies etwa nicht reißerisch genug?

Menschenhandel in Zahlen

Was strafrechtlich als Menschenhandel zum Zweck der sexuellen Ausbeutung definiert wird, dient den Medien lediglich als Projektionsfläche für unsere Lust am Skandal. Dabei geht es nicht um das Erwachen des kritischen Verstandes, sondern um geschürte Emotionen. Die Zahl der erkannten Opfer von »Menschenhandel zur sexuellen Ausbeutung« ist tatsächlich niedrig, und seit einigen Jahren ständig am Sinken.

Die Gesetze, die diese Straftat reglementieren, wurden 1992 und 2005 verschärft, im Jahr 2005 geschah dies bereits als Sonderregelung gegen das Prostitutionsgewerbe. Die Zahl der Opfer, die unter diese Kategorie fallen, ist von 1.425 im Jahre 1997 auf 642 im Jahre 2012 gesunken, sie hat sich also mehr als halbiert. Dabei fallen rund 43 Prozent der Opfer in diese Kategorie, weil sie zwischen 18 und 21 Jahre alt sind, also weil sie einer Altersgruppe angehören und nicht, weil es ein Täter/Opfer-Verhältnis gab. Solche Besonderheiten werden in den meisten Medien jedoch ignoriert. Es wird auch selten bemerkt, dass es sich hierbei um »mutmaßliche« Opfer handelt; die Zahl der tatsächlichen Verurteilungen ist noch sehr viel geringer.

Im Schnitt der vergangenen 11 Jahre gab es pro Jahr 130 verurteilte Täter für Menschenhandel. Wenn man diese Zahl auf 200.000 in der Prostitution tätige Menschen bezieht, dann liegt das Problem dort im Promillebereich.

Es gibt mit Sicherheit eine Dunkelziffer. Doch wenn laut Medienberichten plötzlich pro Jahr zwischen 120.000 und 500.000 Frauen von Ost- nach Westeuropa gebracht werden, die angeblich »zur Prostitution gezwungen« werden (was ja, wie gesagt, alles Vergewaltigungen wären), dann steht dies in keinem Verhältnis mehr zu der Realität. Diese Zahlen werden jedoch ohne jeden Beleg als Fakten wiedergegeben, und nur selten als Schätzungen. Dabei werden zudem »Migration« und »Prostitution« vermischt, »Menschenhandel« wird politisch zur Migrationsabwehr instrumentalisiert. Dies führt zu fragwürdigen Allianzen von konservativen Politikern, Feminist/innen, Nichtregierungs-Organisationen und kirchlichen Aktivist/innen.

»Menschenhandel« ist in den letzten Jahren zu einem politisch opportunen Begriff geworden, der gegen die Rechte der Prostituierten und vor allem gegen die der Migrationsprostituierten verwendet wird. Vor dem Hintergrund einer rasant zunehmenden Globalisierung werden diese gerne als Opfer von Schleppern, Schleusern und Menschenhändlern dargestellt. Der eigentliche politische Zweck dahinter ist jedoch nicht, sie zu schützen, sondern sie loszuwerden.

Sündenbock Prostitutionsgesetz

Dem deutschen Prostitutionsgesetz werden alle möglichen Übel zugeschrieben. Nicht erwähnt wird dabei, dass dieses Gesetz gerade mal aus drei Paragraphen besteht, die Sexarbeiter/innen Rechte gewähren. Diese drei Paragraphen stehen neben acht Paragraphen im Strafgesetzbuch, die deren Arbeit weiterhin im Blickwinkel der Kriminalität und Strafverfolgung betrachten und die noch aus Zeiten der Diskriminierung von Prostitution stammen.

Die Razzien- und Kontrolldichte ist im bundesdeutschen Prostitutionsgewerbe so hoch wie in keinem anderen Wirtschaftszweig. Im Strafrecht bleibt Prostitution Objekt eines ganzen Netzes von Sonderschutzbestimmungen. »Geschützt« werden die Allgemeinheit, der »öffentliche Anstand«, Kinder, Jugendliche, Kirchen, Gemeinden unter 50.000 Einwohner sowie auch erwachsene Prostituierte zwischen 18 und 21 Jahren. Bei circa 44.000 Routinekontrollen und etwa 40 Großrazzien pro Jahr werden rund 50.000 Personen, die in diesem Bereich tätig sind, kontrolliert. Je nach Bundesland gibt es zusätzliche Sonderregelungen oder Sonderbesteuerungen, wie die »Vergnügungssteuer«, die einer Wiedereinführung der Sittenwidrigkeit nahe kommt, oder das »Düsseldorfer Verfahren«, welches eine diskriminierende Sonderbesteuerung von Menschen in der Prostitution ist. Es gibt nach wie vor die illegale Praxis der Zwangsregistrierung von Sexarbeiter/innen durch die Münchner Polizei, sowie Platzverweise und Kontaktverbote am Dortmunder oder Hamburger Straßenstrich.

Viele der Bundesländer, insbesondere Bayern und Sachsen, haben außerdem alles getan, um die Umsetzung des Prostitutionsgesetzes zu vermeiden. Wenn über dieses Gesetz gesprochen wird, sollte man des weiteren unterscheiden, dass dabei eigentlich über rechtlich drei verschiedene Adressatengruppen gesprochen wird.

1. Die Opfer von Gewalt und Menschenhandel, die in Abhängigkeitsverhältnissen gehalten werden. Das ist ganz eindeutig ein strafrechtlich relevanter Bereich. Juristisch wird dieser als »Opfer von Menschenhandel zur sexuellen Ausbeutung« bezeichnet. Sowohl »Zwangsprostitution« wie »Frauenhandel« sind geläufige, doch äßerst diffuse und irreführende Begriffe und sollten besser vermieden werden.

2. Drogenabhängige, minderjährige und illegale Sexarbeiter/innen. Das ist eine Sondergruppe von Sexarbeiter/innen, die in Ausnahmesituationen leben und deren Problematik hauptsächlich eine soziale ist. Sie brauchen Unterstützung und Hilfsmaßnahmen sozialer und medizinischer Art. Sie von vornherein zu kriminalisieren, verschlimmert ihre Situation nur noch. Bei Minderjährigen müsste das Jugendamt zuständig gesprochen werden.

3. Die legalen Sexarbeiter/innen. Das ist die Zielgruppe des Prostitutionsgesetzes, und nur diese. Es ist dies eine Gruppe, die eine lange Geschichte der Stigmatisierung hinter sich hat. Sie stellt eine kaum organisierte Minderheit dar, die erst seit den 70er Jahren angefangen hat, um ihre Rechte zu kämpfen.

Ein Schritt vorwärts und zwei zurück

Wenn das Prostitutionsgesetz kritisiert wird, sollte genauer untersucht werden, was die Schwierigkeiten der Umsetzung waren, was verbessert werden könnte und wie bessere Arbeitsbedingungen gefördert werden können. Dann sollten mehr unabhängige Beratungsstellen gefördert und finanziert werden: mit Fortbildungsmöglichkeiten, gesundheitlicher und psychologischer Beratung, Selbstverteidigungskursen, Rechtsberatung, Empowerment, Steuer- und Finanzberatung, Einstiegs- und Ausstiegsberatung. Doch die heutige Entwicklung stellt die wenigen schwer erkämpften Rechte der Sexarbeiter/innen wieder ganz in Frage.

Unter dem Vorwand einer Bekämpfung von »Menschenhandel« soll Prostitution wieder konzessioniert werden. Die Wiedereinführung medizinischer Zwangsuntersuchungen und polizeilicher Zwangsregistrierungen wird eingefordert sowie weitere Sondergesetze, und immer wieder mehr Polizei, und das alles angeblich zum Schutz der Betroffenen.

»Diese Regelungen werden immer gern als Bestimmungen zum Schutz von Prostituierten dargestellt. Tatsächlich aber schützen sie die Gesellschaft vor Prostitution und reißen insbesondere uns Sexworker aus dem gesellschaftlichen Zusammenleben. Um es nochmal klar zu sagen: Der Kauf und Verkauf sexueller Dienstleistungen ist heutzutage ein riesiger Wirtschaftszweig. Das reguliert man nicht per Strafrecht und mit der Polizei. Das macht man im Arbeitsrecht, im Zivilrecht, im Steuerrecht – und nicht mit diskriminierenden Sonderregelungen«, sagt die politisch engagierte Sexarbeiterin »Frances« Franziska Funk. Ihrer Auffassung nach ist die Absicht der Exekutive eindeutig: Sie will die Judikative unterlaufen. Frances sieht in derzeitigen Bestrebungen Schritte in Richtung Polizeistaat und fordert stattdessen eine Regulierung des Prostitutionsgewerbes auf »Augenhöhe, mit Respekt gegenüber den Sexarbeiter/innen, ohne erneute Diskriminierung und unter Einbeziehung der Sexarbeiter/innen und ihrer Organisationen.«

Liberalität wird rückgängig gemacht

Der Frankfurter Verein Doña Carmen setzt sich für politische und soziale Rechte von Prostituierten ein und ruft zu einer Bürgerbewegung gegen Konzessionierung und Kontrollwahn in der Prostitution auf. Menschen davon zu überzeugen ist jedoch schwieriger, als ihnen die Existenz von »Zwangsprostitution« und »Frauenhandel« einzutrichtern. Es ist ein Kampf von David gegen Goliath. Die Leipziger Professorin Rebecca Pates beschreibt »Menschenhandel« geradezu als »popkulturelles Phänomen«. Sie weist daraufhin, dass die Kombination von Menschenhandel und Prostitution Sex wieder moralisierbar macht, und ein Indiz dafür ist, dass gesellschaftliche Liberalität wieder rückgängig gemacht werden soll. Dies sollte uns zum Nachdenken bringen.

Denn wie kommt es eigentlich, dass es in Wien so wenig Tantrainstitute gibt? Hat das tatsächlich etwas mit der Wiener Mentalität zu tun oder könnte es da eventuell nicht doch einen Zusammenhang mit der gesetzlichen Reglementierung von Prostitution in Wien geben?

Dieser Artikel erschien im Januar 2014 in der Ausgabe 94 der Zeitschrift „Connection Tantra“ zum Thema „Sex, Lust und Ethik – Die Tabus an den Rändern unseres Liebeslebens“ Link zum Heft.
Um seinen Inhalt entfachte sich eine Diskussion, die hier eingesehen werden kann.

Angela BlancAngela Blanc, geb. 1979 in Nancy/Frankreich, ist zertifizierte Tantramasseurin nach Andro. Sie hat in den Tantrainstituten Diamond Lotus, Spiritual Tantra und Ayella gearbeitet und ist aktuell im Dakini in Stuttgart tätig. Sie ist Mitglied vom BESD (Berufsverband für erotische und sexuelle Dienstleistungen) in Deutschland und vom STRASS, der Sexworker Gewerkschaft in Frankreich. Sie ist Feministin und spezialisiert sich in ihrer Arbeit auf Frauenmassagen. Vom 22 bis zum 24 November 2013 nahm sie in Frankfurt an den vom Verein Dona Carmen veranstalteten “Prostitutionstagen” teil. In dieser politischen Veranstaltung kamen Stimmen zu Wort, die in den Medien eher selten zu hören sind. Dieser Beitrag beruht insbesondere auf den Vorträgen von Juanita Henning, “Frances” Francisca Funk, Dr Ina Hunecke, Prof. Dr. Rebecca Pates und Dr. Sabine Schiffer über Medien, Menschenhandel, Prostitution und der geplanten Konzessionierung.
Mail: angela.blanc1@gmail.com

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